STREUOBSTWISSEN
24. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit · Teil 1 von 3
Eine Pflanzung ist gut, wenn die richtigen Sorten drauf sind. So lautet der stille Konsens — und er stimmt nur zur Hälfte.
In vielen Sortenempfehlungen stehen namentlich immer dieselben neun Apfelsorten. Über die Unterlage — das Bauteil, auf dem der ganze Baum sitzt — steht kein Wort. Mal starkwachsend, meist Sämling. Dabei entscheidet genau dieses Bauteil darüber, ob der Baum in hundert Jahren noch steht oder in vierzig verschwunden ist. Das ist keine Schlamperei. Es ist eine Leerstelle, die in der ganzen Branche sitzt.
Über der Grasnarbe verteidigen wir Vielfalt bis aufs Messer. Darunter arbeiten wir seit siebzig Jahren mit immer weniger und immer engerer Genetik.

Für Hochstämme wird beim Apfel im Wesentlichen nur noch eine einzige Sämlingsunterlage verwendet: ‚Bittenfelder Sämling‘, dazu die Typenunterlage A 2. Bei der Birne ist es die Kirchensaller Mostbirne. Das war’s im Grunde.1
Alois Wilfling von OIKOS in der Steiermark nennt das die Monokultur unter der Grasnarbe, und ich borge mir den Begriff bei ihm, weil er sitzt.2
Aber er braucht sofort eine Einschränkung, sonst mache ich denselben Fehler, den ich den Pflanzlisten vorwerfe. Ein Sämling ist kein Klon. Jeder Bittenfelder-Sämling ist genetisch ein Individuum, aus einer Befruchtung hervorgegangen, nicht identisch mit seinen Geschwistern. Eine Monokultur im strengen Sinn ist das nicht.
Eng ist etwas anderes: die Herkunft. Wenige Mutterbestände, ein bis zwei Saatgutsorten, Vorselektion in der Baumschule auf die kräftigsten und geradesten Keimlinge — und null Anpassung an den Ort, an dem der Baum später hundert Jahre stehen soll. Wir haben keine genetische Monokultur. Wir haben einen genetischen Flaschenhals. Das ist nicht dasselbe, aber es ist schlimm genug.
Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert zog man Hochstämme auf dem, was da war: Wildäpfel, Kerne aus regionalen Mostsorten, örtliche Sämlingsherkünfte. Vielfalt gab es reichlich — nur eben undokumentiert, weil sie selbstverständlich war.3
Was die Enge brachte, war paradoxerweise Fortschritt. Zwischen 1920 und 1930 ordnete Ronald Hatton im englischen East Malling die Apfelunterlagen zum ersten Mal systematisch; Schweden hatte bis 1922 zwei Dutzend Klone durchgeprüft, und einer davon, winterhart und zuverlässig, heißt heute A 2. Diese Forschung hat die Unterlage professionalisiert — aber sie zielte auf die schwachwüchsige Seite, auf die Spindel, auf den Ertrag pro Hektar. Die starkwüchsige Seite, die den Hochstamm trägt, ist nie in gleicher Weise mitgenommen worden.3
Sie blieb bei Bittenfelder. Und das ist kein schlechter Baum — im Gegenteil: ein Zufallssämling aus dem württembergischen Bittenfeld, vor 1920 gefunden, selbstfruchtbar, mit auffällig gleichmäßigem Nachwuchs, standfest und langlebig.4 Gute Gründe, ihn zu nehmen. Das Problem ist nicht der eine Baum. Das Problem ist, dass ein glücklicher Fund mangels Alternativen zum alleinigen Standard geworden ist — und daneben siebzig Jahre lang nichts Neues aufgebaut wurde.


Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau schreibt über ihre eigene Standardunterlage, die Kirchensaller Mostbirne gelte als hochgradig anfällig für Birnenverfall — eine phytoplasmenbedingte Erkrankung.5 Eine Landesanstalt bescheinigt der einzigen breit verfügbaren Birnenunterlage ein Gesundheitsproblem.
Und der Grund, warum es keine Alternative gibt, steht gleich daneben: Auf diesem Gebiet ist rund siebzig Jahre lang kaum geforscht worden.6 Das Wissen von vorher ist verloren, schlecht dokumentiert, verstreut in alter Literatur.
Eine Landesanstalt bescheinigt der einzigen breit verfügbaren Birnenunterlage ein Gesundheitsproblem.
Siebzig Jahre. Zwei Baumgenerationen. In der Zeit ist der Obstbau von der Streuobstwiese zur Spindelanlage geworden, und die Unterlagenforschung ist mitgegangen — dorthin, wo Geld verdient wird. Für schwachwüchsige Unterlagen gibt es Typen, Serien, Prüfnetze. Für starkwüchsige gibt es Bittenfelder. Dass diese Lücke real ist und nicht nur meine Wahrnehmung, bestätigen aktuelle Forschungsübersichten: kontrollierte, standortübergreifende Vergleichsversuche gibt es für die schwachwüchsige Seite reichlich — für die starkwüchsige so gut wie nicht.7
Dass sich das gerade ändert, ist die gute Nachricht dieses Artikels. Im Januar 2025 hat sich im Pomologen-Verein die AG Wurzel gegründet, inzwischen rund 140 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.8 In Baden-Württemberg läuft ein vom Land gefördertes Projekt zu klimafitten Anzucht- und Etablierungsverfahren.9 Fünf Baumschulen ziehen bereits alternative Sämlingsunterlagen und geben sie zu Forschungszwecken ab.10
Und schau dir an, aus welchen Sorten die gezogen werden: Urluiken, Börtlinger Weinapfel, Heslacher Luike, Genereuse de Vitry. Bei den Birnen Knausbirne und Prevorster Bratbirne. Keine einzige Tafelsorte. Das sind Wirtschafts-, Most- und Ciderapfelsorten, eine französische Bittersüße ist auch dabei.10
Drei Zahlen beschreiben den Engpass — und die dritte ist die, die gerade Hoffnung macht:
Bewusst weggelassen: Prozentzahlen zur Verbreitung einzelner Unterlagen — belastbare Marktanteile liegen für den Hochstammbereich nicht vor.
Das alles ist das genetische Problem — und man kann es lösen, indem man die Vielfalt der Unterlagen zurückholt. Aber selbst die beste, gesündeste, standortpassende Unterlage nützt nichts, wenn der Baum auf dem Weg vom Saatkorn zur Wiese systematisch beschädigt wird. Und genau das passiert. Über diesen zweiten Engpass redet fast niemand — er sitzt nicht in der Genetik, sondern in der Wurzelarchitektur.
Darum geht es im nächsten Teil: Der Baum, der nie ankommt.

Wie wir belegen → · unsere Methode hinter jeder Zahl.
Standortbeurteilung, Pflanzkonzept, Anzuchtverfahren, Pflege über die Standzeit — für Kompensationsflächen genauso wie für Höfe und Kommunen. Wir planen es nicht nur, wir bewirtschaften selbst.
100 % Streuobst | 100 % Handgemacht | 100 % leckerer Naturschutz.

Hinter diesem Artikel steht
Obstbaumwart & Streuobstkoordinator, Nordappel
Fragen zu Streuobst, Pflege oder unseren Säften? Schreib mir direkt.
Der Dreiteiler zu den Unterlagen — und was sonst noch unter der Grasnarbe passiert.


